Logo IWW Institut für Wissen in der Wirtschaft
Anmelden
  1. Startseite
  2. PN Praxis Nachhaltigkeit
  3. „Wir brauchen jetzt kein Störfeuer aus der Politik“

Jan. 2025

Nachgefragt: Zur Stimmungslage im ESG-Reporting„Wir brauchen jetzt kein Störfeuer aus der Politik“

Top-Beitrag23.12.20244194 Min. Lesedauer IWW

| Die aktuelle Lage im ESG-Reporting ist vielerorts gekennzeichnet von Unsicherheit, Frustration und Sorge. Nach der nicht erfolgten Umsetzung der CSRD in deutsches Recht, dem Vertragsverletzungsverfahren auf europäischer Ebene und jeder Menge politischer Polemik stehen Nachhaltigkeitsmanager vielerorts vor der Frage, wie sie ihre Projekte weiter voranbringen und das Commitment der verantwortlichen Personen im Unternehmen behalten. Im Interview mit Alexandra Buba rät Robert Trebus, Director Global Sustainability beim Eventtechnik-Spezialisten d & b Group, zu mehr Ruhe. |

Frage: Herr Trebus, wie erleben Sie gerade die aktuelle politische Diskussion, in der die Themen der Nachhaltigkeit auf einmal wieder rückwärtsgewandt abgehandelt werden?

Antwort: Es trifft uns selbst nicht so hart, weil wir schon vor zehn Jahren mit der Thematik begonnen haben. Bereits seit sechs Jahren müssen wir als „Private Equity-Firma“ ESG-Berichte verfassen, und auch unsere Kunden, die Künstlerinnen und Künstler, fordern seit längerer Zeit nachhaltigere Produkte. So wollte z. B. die Band „Coldplay“ schon vor etlichen Jahren den CO2-Fußabdruck ihrer Konzerte reduzieren. Das ist gar nicht so banal wie es klingt, denn bislang wurde der Strom für die Veranstaltungen ganz generell zumeist mit Dieselgeneratoren erzeugt – und dann spielt die Energieeffizienz unserer Beschallungstechnik eben eine immense Rolle. Aber als deutsches Unternehmen sind wir natürlich auch Teil der gegenwärtigen Diskussion.

Frage: Mit welchen Folgen genau?

Antwort: Negativen! Vor allen Dingen im Hinblick auf die Stimmung. Aber auch die technische Umsetzung ist schwierig. Denn die EFRAG hinkt seit Beginn des CSRD-Prozesses auf europäischer Ebene ihrem Zeitplan hinterher, die Details wurden zu spät veröffentlicht, die Ratifizierung auf nationaler Ebene fehlt bis heute. Diese mangelhafte Projektierung durch die Politik führt dazu, dass die Unternehmen das Ganze als „work in progress“ erledigen müssen – das können aber Unternehmen so nicht. Ihr erprobter Umgang mit Regulatorik ist durch die Verzögerungen regelrecht torpediert worden. Solange das Thema noch gar nicht rechtskräftig ist, so die Vorstellung vieler, warten wir erst einmal ab. Das ist fatal, denn insbesondere der Mittelstand hat keine etablierten Governance-Strukturen und oftmals keinerlei Risikomanagementabteilungen aufgebaut.

Frage: Wie liegt Ihrer Meinung nach das größte Risiko für die mittelständischen Unternehmen?

Antwort: Wenn man zu spät anfängt, wird es sehr teuer. Das ist das größte Risiko. Durch die schwachen Governance-Stukturen der Unternehmen und die schlechte Projektierung der Politik ist dann das entstanden, was jetzt alle im Munde führen: Bürokratie. Diese haben die politisch Verantwortlichen hierzulande, die Macher der CSRD und die Unternehmen gleichermaßen, durch ihr Handeln beziehungsweise Nicht-Handeln vorangetrieben. Bürokratie entsteht im Übrigen auch im Übermaß, wenn man schlechte Gesetze verschlimmbessert.

Frage: Was kritisieren Sie insbesondere an der nationalen Politik?

Antwort: Deutsche Regierungen verschlafen es öfters, europäische Gesetzesinitiativen frühzeitig zu begleiten. Wichtig ist, während der Entstehungsphase von EU-Gesetzen bereits aktiv zu sein und nicht erst in der finalen Abstimmungsphase. Im Falle der CSRD wäre das dann spätestens vor vier oder fünf Jahren gewesen. Übrigens gilt diese Kritik auch der Wirtschaft. Auch sie hätte sich viel früher und intensiver bei der Gestaltung des Designs der Richtlinie einbringen müssen: Was sind die Kernziele des Ganzen? Worauf müssen die Betriebe sich bei der Berichterstellung konzentrieren? Was müssen und was können sie überhaupt leisten? Diese Dinge hätten viel früher, viel klarer kommuniziert werden müssen.

Frage: Das ändert sich gerade ein wenig, oder?

Antwort: Tatsächlich gehen die Branchenverbände derzeit ungewohnt deutlich in die Offensive, positionieren sich in bislang unüblicher Weise mit der Kernbotschaft: Bitte nicht alles stoppen! Das gefährdet unsere Geschäftsmodelle! Gestaltet es stattdessen effizienter! Es kann ja nicht sein, dass unternehmerisches Handeln ganz unmittelbar und quasi in Echtzeit davon abhängt, was heute gerade im EU-Parlament mehrheitsfähig ist – und was vielleicht morgen nicht.

Frage: Wo sehen Sie gerade inhaltlich das größte Problem der Umsetzung?

Antwort: Die doppelte Wesentlichkeitsanalyse macht uns am meisten Kopfzerbrechen, da explizit offengelassen ist, wie die Umsetzung aussehen soll. Das erfordert einen großen Personalaufwand und bleibt in den Köpfen der Geschäftsführer: Sie haben schlicht die Sorge, umfangreich berichten zu müssen, aber dafür nicht die erforderlichen Daten zu haben.

Für uns z. B. – ein deutsches Unternehmen mit Töchtern im europäischen Ausland – gibt es noch andere Probleme. So ist etwa in Frankreich die Umsetzung der CSRD bereits beschlossen, in Deutschland aber nicht. Im schlechtesten Fall kann es nun passieren, dass wir künftig mehrere unterschiedliche Berichte für die einzelnen Ländergesellschaften erstellen müssen, die jeweils dem vor Ort geltenden nationalen Recht genügen.

Frage: Wie schätzen Sie die Rolle des Wahlkampfs und die Phase der Regierungsbildung ein?

Antwort: Das dürfte uns beides nicht schnell weiterbringen, eher im Gegenteil. Wichtig ist, zu betonen, dass das Themenfeld „Reporting“ letztlich für die Wirtschaft überhaupt kein politisches Thema, sondern eine reine Risikoanalyse ist. Und wer nun schon erkannt hat, wo es hingehen soll und mit Projekten begonnen hat, die in der Regel ja mehrjährig laufen, der braucht keine weiteren Steine im Weg. Ein Großteil der Wirtschaft hat die Chancen der Transformation schon lange verstanden. Wir brauchen jetzt kein Störfeuer aus der Politik, bloß keine „Wärmepumpendiskussionen“ mehr!

Frage: Warum ist das ein Problem, wenn Sie sagen, die Wirtschaft sei längst einen Schritt weiter?

Antwort: Weil die Motivation stark leidet! Veränderung bedeutet immer Aufwand, kostet Geld und Anstrengung. Und in diesem Prozess stört das Stimmungstief, das die Politik permanent befeuert, erheblich. Wir brauchen das Gegenteil von Gejammer: eine Vision! Deren Bedeutung unterschätzen wir gerade. Die Wirtschaft macht Dinge ja nicht nur wegen der Regulatorik, auch wenn das Politiker und Politikerinnen vielleicht gelegentlich denken mögen. Die CSRD sind handwerklich schlecht gemacht, wir brauchen eine Umsteuerung im Gesetzgebungsverfahren.

Frage: Wie tragen Sie dieser Gemengelage in Ihrer eigenen täglichen Arbeit Rechnung?

Antwort: Mit verstärkter Aufklärung und einem geweiteten Blick auf die Mitarbeitenden. Denn ein Großteil der Bevölkerung weiß nicht, wie das politische System funktioniert, und das gilt auch in den Betrieben. So habe ich zuletzt hier bspw. erstmalig den Begriff des „Trilogs“ erklärt. Tatsächlich schafft mehr Information oft mehr Verständnis.

Daneben ist es wichtig, jetzt Ruhe zu bewahren. Das könnte man auch von der Politik erwarten, dass sie in der Krise geordnet vorgeht. Es braucht jetzt Ordnung und Struktur und einen klaren Plan. Aber natürlich ist es auch so, dass die Demokratie vom Kompromiss lebt, und was nützt mir ein schönes Wahlprogramm, wenn es keine Mehrheiten findet?

Frage: Lassen Sie uns noch einen letzten Blick auf die inhaltliche Seite der CSRD werfen. Was hätten Sie gern verbessert?

Antwort: Nicht greifbar ist gerade die extrem nebulöse Diskussion um den Omnibus – jeder kennt den Begriff, aber wenige wissen genau, was sich dahinter verbirgt. Darüber hinaus wäre mir der Verzicht auf Doppelungen ein Anliegen und natürlich, dass wir nicht komplett die ESRS infrage stellen. Wenn wir das jetzt wieder aufmachten, wäre jahrelanges Chaos die Folge. Wir brauchen jetzt chirurgische Maßnahmen des Gesetzgebers, keine Lösungen mit Hammer und Kettensäge.

Autor | Robert Trebus ist Director Global Sustainability beim Eventtechnik-Spezialisten d&b Group. Außerdem verantwortet er als Chairman beim DIN Deutschen Institut für Normung e. V. die Bereiche nachhaltige Messe-, Kongress-, Konzerte- und Veranstaltungs-Dienstleistungen. Trebus ist Mitglied der CDU und als solches in der Brandenburger Kommunalpolitik aktiv.

Weiterführender Hinweis
  • Das Interview mit Robert Trebus führte unsere IWW-Autorin Alexandra Buba M.A., Wirtschaftsjournalistin, Fuchsmühl

ID: 50267252

Drucken
Zitieren

Beitrag teilen

Link
E-Mail
X
LinkedIn
Xing
Mehr zu diesen Themen
Heft-Reader
2025
Logo IWW Institut für Wissen in der Wirtschaft
Praxiswissen auf den Punkt gebracht
Bildrechte